Frau Bartsch am Samstagabend

Heute beginnt das Fest. Ich fahre mit dem E-bike mit Turbo etwa 10 km bergauf nach Dorgali, so dass schon 40% Batterie verbraucht sind, als ich ankomme. Es ist ein großes Stadtfest mit vielen Verkaufsständen und allen denkbaren Produkten aus der Region. Viel Landwirtschaftsprodukte, Kleidung, Leder, Kunst und dazwischen viel Essen. Ab und an ein Tänzchen. Immer der gleiche Tanz. Die Leute sind zu zweit oder zu dritt eingehakt und machen ganz kleine Trippelschrittchen auf der Stelle und die Paare stehen im Kreis und schauen sich an und bewegen sich langsam vorwärts. Sieht ganz spannend aus. Vor allem, weil es alle auch spontan machen. Auch die ganz jungen Frauen und Männer. Die Leute vom Aperol-Stand genauso wie die von der Fischfritte.

Ich lasse mich treiben. Eine Bar bietet Crema Cafè an -nehme Platz, das hatte ich in diesem Urlaub noch nicht. Es ist ein kleines Mokkaglas gefüllt mit so etwas wie Kaffee- Softeis und ich liebe es!

Die Nachbarin sagt zu mir auf Deutsch, dass das sehr lecker aussieht. Woher weiß sie bitte, dass ich Deutsche bin, obwohl ich auf italienisch diese Leckerei bestellt habe?!? Sie erkenne die Nationalität der Menschen. Sie könne sogar sagen, ob ich aus West- oder Ostdeutschland käme. Sie sitzt sehr eng mit ihrem Partner neben mir, so dass wir ganz wunderbar ins Gespräch kommen. Ein Paar, älter als ich. Es geht um gute Stellplätze, das Erbe der Kinder verjuckeln oder nicht?, den Partner überleben. Das ist uns allen dreien passiert. Ich erzähle von meinem Buch. Wir haben ein Thema. Es geht offen zu. Keine Form von Oversharing. Es ist ein Geben und Nehmen. Es schwingt gut. Ich bin gerade ein Pinguin im Wasser. Ach guck! Das passiert doch eigentlich oft, dass Leute mich mögen und ich sie. Dass die Chemie stimmt. Das ist doch eher die Regel, als die Ausnahme. Und manchmal stimmt die Chemie eben nicht und das darf ja sein und das darf ich aushalten lernen, ohne dass mein ganzes Ichkonstrukt zusammenbricht. Vielleicht hat mein Körper heute etwas gelernt. Ich hoffe es. Im Gespräch mit meiner Freundin am Abend finde ich heraus, dass ich von Menschen ausgegrenzt werde, mit denen die Chemie eh nicht stimmt. Und die merken es und handeln danach, während ich es verleugne und mich dennoch mit ihnen verschmelzen will.

3 Crema Café und zwei Stunden später, kommt per Zufall heraus, dass der Mann der Frau und meiner am 9.12.2020 gestorben sind. Das treibt uns beiden die Tränen in die Augen und die Härchen sträuben sich.

Der Mann ist kürzer Witwer. Wir sprechen über die unterschiedlichen Arten zu trauern, zu sterben, zu bestatten, über Asche und Corona, dumme Mitmenschen und fühlen uns wohl. Und sind uns einig, dass wir niemals in einer Trauergruppe hätten sein wollen. Weil wir vermutlich nicht glauben können, dass die sich da auf so eine Art austauschen können, wie wir das jetzt bei schönstem Sonnenschein machen. Das Paar bleibt auch noch bis Ende Oktober. Wir haben Lust, dass wir uns noch einmal begegnen. Sie kommen aus Hannover. Finden sich die Niedersachsen gut? Ich bin zumindest froh, mal kein Schwäbisch zu hören.

Ein Mann fährt mit einer Katze auf dem Rücken spazieren. Ein Carabinieri ist fasziniert.

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