Frau Bartsch zieht das durch

Was man so alles von sich mitbekommt, wenn man alleine ist…

Heute früh war schon um kurz vor sechs irgendwie die Nacht vorbei. Irgendeine Stimme in mir sagte, dass ich jetzt schwimmen gehen muss. Eine andere Stimme, der ich noch nicht sehr lange zuhöre, weswegen sie auch noch sehr leise und zaghaft spricht, wendet ein, dass ich gar nichts muss. Und ob ich mich nicht erstmal fragen will, worauf ich Lust habe?

Schwierig zu beantworten. Eigentlich ganz klar: liegen bleiben. Das Meer stinkt nach Schwefel in den ersten Metern, das lädt nicht ein. Es ist bedeckt. Das lädt nicht ein. Das Bett ist der bessere Ort. Später wird mich die Nachbarin im Duschhaus fragen, ob ich schon schwimmen war. Sofort antworte ich entschuldigend, dass es zu sehr grummelt auf dem Meer, obwohl das nicht der Grund ist. Die Nachbarin ist megasportlich und hat das ala ihre Sucht auserkoren. Meine innere „Fähnchen-nach-dem-Wind-Gestalterin“ will so tun, als sei ich auch die Sportskanone. Jeden Morgen schwimmen, morgens um sechs. So eine wäre ich gerne. Bin ich aber nicht. „Dann stehe doch dazu, Herggottzeiten! Where is the problem, bitte?!!“

Das ist so ein Automatismus.

Ich komme mir auf die Spur. Heute will ich nur schnitzen, schnitzen, schnitzen. Ich habe mir da eine wirklich schwere Herausforderung als Aufgabe gestellt. Mal sehen, wie das wird, ob das was wird. Die ganze Zeit redet da so eine wertende Stimme mit mir, dass ich schwimmen oder supen solle, dass ich wandern oder radfahren solle.

Doch ich will schnitzen. Ist doch auch kein Problem. Ich hab hier meine kleine Welt und in der fühle ich mich wohl.

Aber die Stimme hört nicht auf. Die Stimme heißt Stefan, oder Renate oder Béla oder Papa oder, oder, oder…

Ich habe all die Menschen verinnerlicht, denen ich mich nah fühle, die ganz viel Aktivität an den Tag legen. Doch ich genieße andere Aktivitäten. Komischerweise bewerte ich die als weniger wert. Minder Wert. Mit Lotta, meiner Tochter kann ich das gut: einfach abhängen und quatschen und essen und Spiele spielen.

Wenn ich woanders bin, muss ich nicht die Gegend kennenlernen. Mir reicht der kleine Kosmos von Strand und Wohnmobil. Das gibt wenig Eindrücke. Vielleicht ist das das erholsame für mich?

Auf jeden Fall schaffe ich heute einen ganzen Tag, wirklich meinem Körper zu folgen. Was will ich? Was will mein Körper, der ja mein Ich ist?

Holzbildhauen. Stunde um Stunde. Der Tennisarm und die Arthrose im linken Daumen kommen zurück. Weitermachen. Es ist wie eine Sucht. Irgendwann gegen fünf kommt eine schweizer Familie vorbei und holt mich aus meiner Trance. Danach kann ich aufhören. Alles wegräumen. Schwimmen gehen. Lesen. Kochen. Socializing mit den neuen Nachbarn. Ein Paar aus Süddeutschland mit einem Morello, hat die Maße eines Reisebusses. Für einen Morello kann man ca. 3 Wohnmobile kaufen. Dass der hier zwischen den Bäumen durchgekommen ist, alle Achtung! Filmreif, wie der sich in den Stellplatz gewunden hat.

Wir beginnen ein Gespräch. Sie haben den bei mir ums Eck gekauft. Warum? Ein Kumpel wollte dort einen kaufen und im Doppelpack waren die billiger.

Er sieht neu aus. Ja, das ist der 2. Urlaub. Und? Zufrieden? Was man halt so fragt, zum Smalltalk auf dem Campingplatz, wo man sich morgens im Nachthemd begrüßt.

Ja, najaaaa. Sie haben eine Alarmanlage verbauen lassen und die ist ohne den vorgesehenen Anlass los gegangen. Auf dem Camingplatz, nachts um drei.

Das sind so Freuden. Da alle immer ein bisschen genervt von diesen Wohnschiffen sind (vielleicht aus Neid?), kann ich mir die ärgerlichen Camper gut vorstellen.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die meine Freundin mir erzählte: ihr Sohn hat widerum auch einen Sohn und beide wandern gern und viel in den Bergen. Der Sommer war beruflich sehe stressig für den Sohn und so konnten die beiden sich nur eine Woche herauseisen, um in den schweizer Alpen eine Hüttenwanderung zu machen. Meine Freundin hat die beiden getrackt, weil sie immer gerne mitfiebert und in Gedanken die Tour mitreist.

Irgendwann erhielt sie eine Nachricht, dass sie jetzt an Punkt xy seien und nun rechts ab in die Höhe gehen würden. Meine Freundin verfolgte den Weg und las im Internet Warnungen, dass die Streckenführung geändert wurde und Ihre Liebsten links hätten abbiegen müssen. Doch die hatten nun keinen Empfang mehr. Ein banger Nachmittag für meine Freundin, doch am Abend die entspannende Nachricht: „Wir sind jetzt in der Hütte und fallen müde ins Bett.“

Am nächsten Tag haben sie dann die reale Geschichte erzählt. Irgendwann waren sie tatsächlich an eine Stelle gekommen, wo sie nicht mehr weiter wussten. Sie konnten nicht vor und zurück und wussten sich nicht anders zu helfen, als bei der Bergrettung anzurufen, um nach dem Weg zu fragen.

Doch diese hörten an der Stimme, dass es eher ein Notfall war und bestanden darauf, die beiden per Heli abzuholen. Nachdem der Sohn bei seiner Versicherung die Kostenübernahme sicher gestellt hat, ließ er das dann zähneknirschend zu. So kamen die beiden unverhofft zu einem Helicopterflug. Da ihnen ja nichts geschehen war, wollten sie sich vom Heli nun zur Übernachtungshütte bringen lassen. Kein Problem. Wohl aber, dass der Pilot auf der falschen Seite landete und die Rucksäcke der Wanderer, die dort erschöpft ihr Kaltgetränk genossen, völlig durcheinander wirbelte. Nun mussten die beiden vor aller Augen dort aussteigen. Das ist eine 10 von 10 auf der Schamskala, so wie die Alarmanlagengeschichte der Morelloleute.

Eine Gottesanbeterin hat mir heute bis zum Abend Gesellschaft geleistet.

Hinterlasse einen Kommentar