Ich habe noch zwei Tage, bis ich zu dem ersten Hof fahre, auf dem ich wwoofe. Wwoofen?!? Ja, arbeiten für Kost und Logis. Logis brauche ich ja nicht und Kost ist auch eher eingeschränkt auf meinem ersten Hof. Das habe ich gestern erfahren, als mir die eine Betreiberin ein „Infoblatt“ zukommen lassen hat.
In dem steht, dass es nur Mittagessen bei denen gibt, weil sie ja nur zu zweit sind.
Was hat denn das mit der Anzahl von Leuten zu tun? Das handelt sich doch wohl um Geiz, oder? Ich werde es herausfinden und berichten. Außerdem hat das Infoblatt mich darüber aufgeklärt, dass ich Arbeitsklamotten und festes Schuhwerk und Arbeitshandschuhe mitbringen soll.
Gut, dass ich an alles gedacht habe. Aber warum stellen die nicht mal die Arbeitshandschuhe?!? Sollen die jungen Leute sich diese kaufen, um dann dort kostenfrei täglich 4 Stunden zu arbeiten? Ah, nee, nicht täglich. Am Wochenende haben wir frei.
Ich hörte schon davon, dass das Wwoofen eher eine Ausbeuterei von jungen Menschen sei, aber diese beiden Betreiberinnen sind Yoginis und da erwarte ich rein vorurteilsbasiert eine menschenfreundliche Grundhaltung.
Wir werden sehen, Steffi – warte doch erstmal ab, bevor du dich uffrechst, was du da so live erlebst.
Wer spricht? Ah der erwachsene Teil meldet sich zu Wort. Wer sprach vorher aus mir? Keine Ahnung, aber nicht der erwachsene Teil. Ein Kind, dass sich schnell mal aufregt, wenn die Welt ungerecht ist. Das Kind ist schon so lange in mir, dass ich es regelmäßig glatt als „Ich“ verwechsle.
Genau genommen fällt mir das jetzt erst beim Schreiben auf, dass das nur ein Anteil von mir ist. Ja, ein Anteil, der immer sprungbereit im Standby arbeitet, aber eben auch nur ein Teil. In meiner tiefsten Phase der Depression war das der vorherrschende Quatschkopf in meinem Gehirn. Ein anderer erfahrener und gut ausgebildeter Anteil in mir, wusste, dass ich nicht glauben sollte, was der so verzapft und ich habe es doch nicht abwehren können und geglaubt. Ich habe es sehenden Auges geglaubt.
In der Paartherapie habe ich diese Stimme Svetlana genannt. Svetlana ist eine Ukrainerin, die mit drei Anderen zusammen bei uns gewohnt hat, als der Krieg bei denen ausbrach und sie fliehen mussten. Svetlana belegte ab Tag 3 unsere Küche und kochte uns ab 6 Uhr morgens Berge von Essen für das ukrainische Frühstück. Wir wollten eigentlich nur Müsli oder mal Brötchen, aber wir mussten all die Herrlichkeiten probieren und loben und sie textete uns in blumigsten Worten ständig zu. Der Googleübersetzer übersetzte zwar die Worte, aber Sinn ergaben sie eigentlich nie. So hat sie Gutes tun wollen, aber uns in Wirklichkeit wirklich sehr genervt. Wie die Stimme meiner Depression. Svetlana war dann auch die Erste, für die wir eine Wohnung fanden.
Und so war das mit der Aufregestimme auch. Sie war da, nicht zu bändigen, nahm allen Platz ein, nervte alle – mich am meisten, denn die anderen/ sprich : mein Mann hörten sie ja nicht. Sahen nur meine Fleppe, also das Ergebnis von „Swetlana“.
Die Idee dahinter war folgende: Wenn meine private Svetlana sich wieder in den Vordergrund drängte, einfach mal nach nebenan gehen, Tür schließen, sagen, dass wir einen Moment unsere Ruhe bräuchten. Und wir fragten uns damals außerdem in der Therapie, wofür meine Svetlana denn eigentlich gut sei. Ich wusste über ihre Funktion in dem Moment, als die Therapeutin die Frage stellte. Svetlana war dafür gut, dass ich meine Wut nicht rausließ. Sie meckerte in einer Tour, beschwerte sich über alles und jeden. Sie war allzu sehr im Vordergrund, weil ich Svetlana so lange Zeit ignoriert hatte. Mein Leben lang war es zu gefährlich für mich, meinen Ärger mitzuteilen. Ich hatte meine gesamte Kindheit kein Recht auf meine Gefühlsbandbreite. Ich habe mir in der Kindheit aus verschiedenen Gründen gründlich beigebracht, eine Person zu sein, die man nicht ärgern konnte. Die keine Eifersucht spürte, die keine Schwäche hatte, keine Ängste kannte. Kurzum: eine coole Frau.
Das hat mich wirklich weit gebracht. Doch jetzt ist die Zeit gekommen, initiiert durch die Fibromyalgie und die Depression, da ich der leiblichen und wahrhaftigen Steffi auf die Spur komme. In meinem 1. Buch schrieb ich, ich würde mich nicht suchen – Aua! Was ist das denn?!? Ein kleines Minitier hat mich blutig gebissen. Vorhin schon habe ich an meinem Knöchel eine blutende kleine Stelle gehabt und mich gefragt, wo ich mich da denn verletzt habe. Zum Glück habe ich viel Autan dabei. Ich hatte schon bei Park4night über diese ominösen Tierchen gelesen und dass Reisende wegen dieser Insekten bei bestem Wetter im Wohnmobil saßen. Ok, eingesprüht, aus Versehen eine ordentliche Brise davon eingeatmet, geht es jetzt weiter mit dem, worauf ich eigentlich hinauswill.
Ja, sich selbst suchen ist nicht das richtige Wort für den Vorgang, den ich immer und immer wieder in der Traumatherapie durchgemacht habe. Spüren, Fühlen, mich zulassen. Das passt. Mich zulassen.
Der Mann ruft an. Mein Mann. Stefan. Was ich denn so täte.
Blog schreiben, Italienisch lernen, Holzbildhauern, Reiseführer studieren, essen. Alles im Umkreis von 3 m um das Wohnmobil herum. Stefan wundert sich: Dann hättest du ja auch zuhause bleiben können. „Nein!“ Ich protestiere vehement.
Das ist überhaupt nicht vergleichbar, aber in meinem Kopf spielten sich vorhin ähnliche Szenen ab:
Die Sonne scheint. Mein Kopf sagt: „Geh schwimmen, du schwimmst doch so gern. Die Steffi sagt: oooooch nö! Lieber Holzschnitzen, oder Duolingo spielen.
Der Kopf sagt: „…oder mach Standuppaddling! Du wolltest doch unbedingt so ein Board für viel Geld haben. Jetzt nutz es halt auch aus!“
Die Steffi fühlt: „Och nö! Ich will ja auch noch im Reiseführer lesen und in dem Buch und aber eigentlich will ich nur Duolingo machen und sitzen und Tee trinken.
Ich darf das. Niemand lobt mich dafür, dass ich schwimmen gehe, dass ich SUPe, dass ich eine Wanderung an der Küste entlang mache, oder eine Radtour. Nur ich selbst würde mich loben: „Super, du biste echt eine aktive und interessierte Frau, die sich sehr gerne bewegt und das macht, wofür Reisen da sind.“
Ein Teil, der echte Teil sagt: ich fühle mich hier am Wohlsten!
Ein Teil, der bislang das Sagen hatte, möchte sich nicht geschlagen geben und fragt hinterlistig: „Nur am Wohnmobil abhängen, ist das nicht wieder ein Anzeichen von Depression?“
Der echte Teil, den ich körperlich spüren kann, der weiß, dass er immer Recht hat. Er setzt sich durch und so verbringe ich gemütlich einen weiteren Tag am Wohnmobil unter Kiefern am Meer.
Der Holzklotz wird kleiner. Noch kann man nicht ahnen, was es werden wird. Hoffentlich werden wird.😂
Das Autan hat geholfen. Keine weiteren Bisse.
Und jetzt muss (!) ich gehen. Denn ich kriege Schmerzen.
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