Das Erste, was man in einer Rehaklinik lernt, ist, dass man Hobbies braucht.
Schon im Freundebuch bei Kindern werden die Hobbies abgefragt.
Meine Antworten waren stets mit einem flauen Gefühl begleitet: Kochen, Gartenarbeit, Ski fahren, lesen.
So ein richtig gutes Hobby müsste man haben. Die Nachbarn hier auf dem Campingplatz haben nach eigener Aussage zu viele Hobbies. Sie mussten ihr Surfsachen zuhause lassen zugunsten von Kletterequipment und Downhill-Ebike-Ausrüstung und Rennrädern. Die 4 Räder kleben hinten an der Rückseite des Vans. Auf dem Dachgepäckträger hat es noch Platz für Surfbretter, aber drinnen wohl keinen mehr für die Dinge, die man drumherum so braucht.
Ich hatte dieses Mal auch ein Platz-oder Gewichtsthema, denn ich habe ein echtes tolles süchtigmachendes Hobby gefunden: Ich mache Holzbildhauer- und Schnitzarbeiten.
Das kam so: im Januar war ich am Tiefpunkt der Depression angelangt. Warum? Ich habe das Antidepressivum abgesetzt. Warum? Ich bin zu dick davon geworden? Warum? Ich habe keine Grenze mehr gehabt. Warum? Als ehemals esssüchtiger Mensch, darf ich mir keine Lebensmittel verbieten. Warum? Ich esse sonst nochmal so viel davon. Warum? Die ganze Aufmerksamkeit liegt dann auf dem Essen und in der Abwertung meines Körpers. Und dann ist meine Stimmung nicht in der Verfassung auf mein Körpergefühl zu achten. Und weil das Körpergefühl für Satt-oder Vollsein durch den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer verschwunden war, habe ich ständig „Ja“ zu Essen gesagt.
Ich habe also das Duloxetin sehr langsam abgesetzt. Jeden Tag ein Kügelchen mehr aus der Kapsel entnommen, in der etwa 110 Stück drin waren. So hatte es mir ein Psychiater bei einer Fortbildung im Sommer geraten. Als ich nach einigen Monaten bei 9 Kügelchen in der Kapsel angekommen war, ging bei mir die Post ab. Ich hatte eine Online-Wochenendausbildung zur Lachyogalehrerin besucht und musste Sonntagmittag abbrechen, weil ich aus dem Weinen nicht mehr rauskam.
Hat eine gewisse Komik, im Nachhinein betrachtet. Die Fortbildung hatte ich gegen die Depression, die ich schon einige Wochen in den Knochen spürte, gebucht. Die Wirksamkeit von Lachyoga gegen Depressionen hatte ich bei einem Interview im Radio erfahren.
Whatever: ich saß in der Scheiße.
Wenn ich nicht gewusst hätte, wie krass es in der Psychiatrie zugeht, hätte ich mich eingeliefert. So schlecht ging es mir. Der Körper braucht Zeit, um das Serotonin wieder selbst zu managen, heißt es.
Ich hatte keine professionelle Begleitung. Das Nachfolgeantidepressivum bekam ich von einem Neurologen in Köln, der mich zwei Jahre zuvor über meine Nachbarin vermittelt, kurzfristig dazwischen genommen hatte. Ich dachte, ich hätte einen Hirntumor, all die seltsamen Symptome, die ich mit meinem Körper wahrnahm, waren psychosomatische Phänomene. Er überzeugte mich damals, dass ich das Duloxetin mal ausprobieren solle. Wenn es nicht wirken würde, könne ich es ja einfach wieder absetzen. Einfach.
Es wirkte. Schon nach 5 Tagen. Obwohl das eigentlich nicht sein könne. Vielleicht war es der Placeboeffekt. Der wirkt ja auch, wenn man selbst nicht an die Wirkung glaubt, aber der behandelnde Arzt.
Ich merkte auch, dass ich wieder mehr Freude fühlte. Da hatte ich wohl schon eine geraume Zeit eine leichte funktionelle Depression gehabt. Es ging mir besser, ich liebte das Mittel. Nach etwa vier Monaten begann das Zunehmen. Jeden Monat ein Kilo im Schnitt. Nach Absprache mit diesem Kölner Neurologen setzte ich das Duloxetin nach 6 Monaten einfach wieder ab. Eine Woche die halbe Dosis und dann nichts mehr. Meine Schmerzen durch die Fibromyalgie kamen eine Woche später mit geballter Kraft zurück. Ich war nicht arbeitsfähig, fragte nach Alternativen. Keine Alternative. Der Neurologe empfahl mir eine geringere Dosis auszuprobieren. Habe ich. Der Schmerz war wieder weg. Das Gewicht stieg wieder weiter.
Vier Monate später hatte ich diese Fortbildung in Weggis. Es ging um PEP- Klopfen bei Trauma. Ich habe mich als Probandin zur Verfügung gestellt und in dem Zusammenhang von der Zwickmühle mit dem Antidepressivum erzählt. Im Anschluss kam ein Teilnehmer auf mich zu. Er war Psychiater und hatte Kenntnis über ein Forum von Anwenderinnen, die das Duloxetin in Minischrittchen absetzten und dadurch weniger Entzugserscheinungen hatten.
Ich behielt es bis zum Herbst im Hinterkopf. Als das Maß des Erträglichen überschritten war und mir bereits drei Monate nach Anschaffung einer neuen Garderobe diese nun auch schon wieder nicht mehr passte, begann ich den Absetzprozess.
Da saß ich also mit einer selbstdiagnostizierten mittelschweren Depression. Der Kölner Arzt hatte kein Interesse, mich weiter zu begleiten. Er verschrieb mir das von mir gewünschte Antidepressivum Bupropion. Es ist gewichtsneutral, wirkt aber auf das dopaminerge, anstatt auf das serotinerge System. Es gibt also eher Antrieb, aber nicht Freude. Ich suchte, aber fand keine Neurologin oder Psychiaterin. Auch keinen Mann mit der Berufsbezeichung. Es ging also darum, die Zeit zu überstehen, die mein Körper brauchte, um das mit dem Serotonin wieder selbst besser zu managen.
Beschäftigungstherapie. Ich bestellte mir Modellbausätze aus Holz. Baute in akribischer Feinarbeit unnötige riesige elektrische Murmelbahnen und Weihnachtsgeschenkefabriken.
Das machte mir Spaß. Aber die Dinger standen im Weg rum. Ich meldete mich für einen Holzbildhauerkurs an, den Stefan im Netz gefunden hatte. Das machte mir noch viel mehr Spaß. Ich meldete mich für einen Steinmetzkurs an. Das war auch nicht übel.
Zum Geburtstag wünschte ich mir eine gebrauchte Hobelbank, die wir aus dem Sauerland holten und mit Hilfe des neuen jungen Nachbarn in den Keller schleppten.
Dann baute ich eine große neue Terrasse aus Douglasie und nähte dafür Vorhänge. All die Ergebnisse meines Tuns erfüllten mich mit Stolz und Genugtuung. Was ist das eigentlich für ein Wort? Aber es passt doch wirklich sehr gut zu meinem Gemütszustand.
Ein weiterer Holzbildhauerkurs. Und ich merkte, dass ich „süchtig“ wurde. Wenn ich im Keller etwas suchte, dachte ich mir, dass ich doch mal eben kurz, ganz kurz ein ganz kleines bisschen weiter schnitzen könnte. Wenn Stefan mich suchte, fand er mich im Keller.
Ich hatte eine Leidenschaft gefunden.
Die 7 Wochen Sardinienurlaub rückten näher und ich konnte mir nicht vorstellen, ohne mein neues Hobby zu reisen. Die KI gab mir zwei Vorschläge von mobilen Arbeitstischen mit Spannfunktion und ich griff tief in die Tasche für diesen wirklich guten Arbeitsbock. Oder wie man das nennen soll. Ein paar Wochen später hatte Lidl solch ein Gerät für ein Drittel des Preises im Angebot. Kann man ja nicht ahnen, dass es mehr von solchen Menschen gibt, die auf Reisen ihren Spannbock mitnehmen wollen. Lidl weiß sowas.
Jetzt konkurrierten die beiden Ebikes, das SUP-Board und der Spannbock um den Platz in der „Garage“ (Kofferraum) im Wohnmobil. Zwei Ebikes, weil Stefan für die letzten drei Wochen dazu kommt. Er hat noch zuhause eine Fortbildung zu Ende zu bringen.
Ich habe schon mit der Arbeit an meinem nächsten Projekt begonnen.
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