Frau Bartsch reisst sich zusammen
Warum? Weil es so ist. Nee nicht ganz. Ich erkläre das mal: wenn man sich selbst ganz eng umarmt, reisst man sich zusammen. Man macht sich klein und schützt sich. Das hat mir eine Lehrerin in Gelsenkirchen auf einer meiner Fortbildungen erklärt. Sie erzählte mir, dass sie den Kindern immer sagen würde: „Reißt euch mal zusammen!“
Ich glaube, ich habe geschockt ausgesehen, wahrscheinlich habe ich als Peoplepleaserin versucht, es nicht all zu sehr zu zeigen. Doch es war ja der Sinn ihrer Provokation und so erklärte sie mir genüsslich ihre neue Bedeutungsgebung von „zusammenreißen“.
Erst jetzt komme ich so richtig dahinter, welchen großartigen Shift sie da in den Kindern evoziert. Sollte irgendwann irgendjemand in irgendeiner Scheißkrise zu ihnen sagen Reißdichmalzusammen, bewirkt das bei diesen Kindern zukünftig vermutlich, dass sie sich selbst lieb haben und umarmen sollten.
Ich habe in dem letzten Jahr eine mittelschwere Depression ausgebadet und ausgelöffelt und durch „michzusammenreißen“ eventuell auch etwas therapiert. Und ganz viel Therapie. Ich habe meine Depression sozusagen mit Therapien versucht wegzuballern. War nicht der verkehrteste Weg. Aber ich glaube, dass die Krankheit auch eine körperliche Komponente hat, der die Psychotherapien nicht beikommen können. So habe ich mich für meinen Geschmack ein wenig zu langsam aus der bedrohlichen Lage befreit.
Bedrohlich für mich. Für meinem Mann. Für meinen Vater. Für meine Freunde.
Nicht für mich lebensbedrohlich. Nur bedrohlich für alle Beziehungen, die ich zu Menschen habe oder hatte. Wenn die Welt dunkel ist, war sie immer dunkel. Und bleibt sie immer dunkel. Und alle sind so doof! Wenn ich aus der Metaebene darauf schaute, wusste ich, dass ich diesen Gedankem nicht glauben durfte. Doch der stärkere Depressionsanteil in mir, beharrte darauf, Recht zu haben.
Im Frühjahr, als die schwärzeste Zeit vorüber war, beschloss ich, mir nach den Sommerferiem eine längere Auszeit mit dem Wohnmobil zu gönnen. Kur oder Urlaub? Ich wusste es da noch nicht.
Sardinien. Ich hatte es im Herbst letzten Jahres kennengelernt, als wir 14 Tage zu dritt in einem Ferienhaus im Nordwesten wohnten. Da war klar, hier will ich wieder hin.
Frau Bartsch hat immer Glück
Der erste Tag auf Sardinien. Ich habe so viel Glück. Mal wieder. Gestern Abend kam ich hier im Dunkeln gegen 23 Uhr an. Natürlich hatten die Campingplätze längst niemanden mehr an der Rezeption sitzen. Natürlich musste ich das aber erst mal ausprobieren und brachte mich in die missliche Lage, dass ich im Dunkeln mit dem Elefanten 500 m rückwärts aus der Zuwegung hätte fahren müssen. Doch das hätte mich entweder um den Verstand oder um das Hinterteil gebracht. Ich fand einen Ausweg. Ein abgesperrtes Terrain, das ich kurzzeitig von seiner Absperrung befreite, diente meinem Wendemannöver.
Wieder Glück gehabt.
Am Strand fand ich einen Parkplatz zwischen 2 anderen deutschen Wohnmobilen, die es auch nicht mehr rechtzeitig geschafft hatten. Frei stehen ist verboten. Wird schon ok sein. Was sollen wir machen?
Wieder Glück gehabt.
Ich hörte das Meer leise rauschen. Sagt man „rauschen“? Ich hörte das Meer eher wellen. Und ging ein wenig am Strand entlang. Was für ein Sternenhimmel!
Wieder Glück gehabt.
Auf einer der Strandliegen, die tagsüber völlig deutsch und aber eigentlich total italienisch, in einem umgrenzten Gebiet, symmetrisch, bestehend aus je einem Trio von 1 Sonnenschirm und 2 Liegen Geld einbringen sollen, habe ich kurz überlegt, ob ich die Nacht unter freiem Himmel verbringen möchte.
Hätte ich da schon von meinem neuen Buchprojekt gewusst, hätte ich das vermutlich getan. Um anzugeben oder um unerschrocken zu wirken. Damit die Leserinnen sagen: Wow, was die für verrückte Sachen macht! Mir ist das aufgefallen, dass ich so viel tue, um als die zu wirken, die ich sein will. Die beste Version meiner Selbst. Und dann fühle ich mich halt nicht genug, um das zu tun, was mir entspricht. Das werde ich hoffentlich lernen. Ihr werdet mich begleiten.
Ich schreibe Leserinnen, aber die Männer dürfen sich auch angesprochen fühlen, wenn sie das hier lesen. Es dient der besseren Lesbarkeit. Das habe ich mir von der Neuen Osnabrücker Zeitung abgeschaut. Nur, dass sie die Frauen ausklammern. Jetzt ist das Gleichgewicht wieder hergestellt.
Heute Morgen als erstes der Blick aus dem Fenster. Ich stehe am Strand. Die Sonne geht auf. Am Meereshorizont. in meinem Blick keine Strandliegen- Sonnenschirm-Hässlichkeiten, sondern nur Sand und Wasser
Wieder so ein Glück gehabt.
Das Wasser ist warm. Ich freue mich und schiebe den Gedanken, der sich aufdrängt und die dazugehörigen Gefühle, weiträumig zur Seite.
Gemäß der allgemeingültigen und noch nie widerlegten Regel: irgendwas ist ja immer, riecht das Meereswasser nach Schwefel. Das bilde ich mir doch ein!
Ich versuche den gleichen Trick mit dem Zur-Seite-schieben, was mein Glück schmälern könnte, noch einmal. Aber mit Gerüchen ist das wesentlich schwieriger, als mit Gedanken. Wusste ich auch noch nicht so bewusst.
Dennoch schwimme ich etwas. Vor ein paar Jahren war ich mit Stefan in der Toskana und wir besuchten warme Quellen, die rochen auch so. Nur etwas stärker. Viel stärker. Noch Tage hing uns der Geruch in Kleidung und Handtüchern. Aber hier? Gibt es Quellen? Als ich etwas weiterschwimme, ist der Geruch verschwunden. Als ich wieder zurück komme, ist er wieder da.
Ich frage die KI nicht dazu. Obwohl es mich lockt. Habe schon einen Eichelhäher fotografiert und die KI befragt (er war wohl sehr jung und die Eichelhäher sehen zudem hier anders aus, als in Deutschland). Das mit meiner KI-Nutzung nimmt Überhand. Ich will das nicht mehr so. Wissen ist nicht alles und ich werde im Laufe der Zeit immer mehr zur Klugscheißerin. Ich nerve mich schon selbst damit, dass ich immer noch was beizutragen habe und auch mein Umfeld ist gar nicht so dankbar für mein Wissen, wie ich mir das wünsche.
Ich poste bei Whattsapp erste Paradiesbilder. Ein Bekannter, ein Fan vom ersten Buch, fragt, als er erfährt, dass ich 7 Wochen bleiben werde: „Neues Buch“?
Keine so schlechte Idee.
Der Campingplatz, aus dem ich mich gestern herausschälen musste, liegt am Rand von Santa Maria Navarrese. Es gibt einen Zaun zwischen Camping und Meer. Und einen Deich. Auf dem Deich wäre es schön, aber niemand steht hier. Obwohl hier auch Stromanschlüsse sind.
Die deutschen Camper, die ich frage, wissen nicht, warum.
Ich frage den Besitzer. Mit vielen Worten auf italienisch und mit klarer Stimme sagt er etwas von Madonna und respectare oder so. Es ist klar, er will mir den Grund nicht nennen.
Wenn ich den Grund nicht kenne, fällt mir die Akzeptanz schwerer.
Der Platz ist eigentlich schön. 35€ wollen die für eine Nacht und eine Person im Camper.
Die neue Zeit.
Ich frage nebenan auf dem Campinplatz nach, der nicht bei Park4night angegeben ist. Leider haben sie nichts frei für so ein großes Getüm. Ich soll im 14.00 Uhr anrufen und fragen, ob jemand weggefahren ist. Ok. Vorher schaue ich mir diesen Platz aber nochmal an und finde einen freiem Platz mit Blick auf das tiefblaue Meer. Keine Parzellen, es stehen einfach alle kreuz und quer zwischen den eng stehenden Kiefern.
Mit dem Foto des leeren Platzes und der Nummer 110 gehe ich zurück zur Rezeption. Frage nach. Leider ist der Platz reserviert. Ja, klar. Bin ich doof? Sie hat ja gesagt, dass alles besetzt ist. Hätte ja klappen können. Doch plötzlich italienisches Pallaver zwischen ihr und ihm. Die Leute haben ihre Reservierung geändert. Ich kann dort stehen. Für 21€/Nacht. Es gab mal Zeiten in meiner 5 Jahre jungen Wohnmobilkarriere, da hätte ich das als teuer empfunden…
Wieder so ein Glück!
Als ich an meinem Platz für die nächsten 5 Tage bin, Frühstück mittagesse und zur Ruhe komme, fällt mir das Buch wieder ein. Ja, das ist doch ein guter Moment, mit meinem 3. Buch zu beginnen. (Das 1. geht über Neue Autorität und liegt im Dornröschenschlaf).
Aber, um mich zum Schreiben zu motivieren, muss es wieder ein öffentlicher Blog sein. Die Reise startet.


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