Frau Bartsch geht wwoofen

Als ich im Frühjahr die Fähre nach Sardinien gebucht hatte und mich in der Park4night-App mit möglichen Stand-Orten beschäftigte, erfuhr ich aus den Kommentaren der einzelnen Wild-Stehplätze, dass das nicht mehr toleriert würde. Das frei in der Gegend rumstehen und wild Campen.

Jetzt war ich etwas aufgeregt: 7 Wochen Campingplatz bezahlen?!? Die Stellplatzgebühren waren außerdem auch explodiert. Ob das mit dem durch die Polizei streng durchgesetzten Verbot zu tun hat, oder weil es in den letzten Jahren eine Wohnmobilschwemme gab, oder beides, man weeß et nich.

Eine Freundin hörte von einer Bekannten, dass sie wwoofen war und schickte mir direkt den Link. Das sei doch was für mich. Und ob. Ich war gleich Feuer und Flamme für die Idee, gegen Kost und Logis auf Biobauernhöfen 4 Stunden am Tag mitzuhelfen.

Man kauft sich eine Lizenz für ein Land für 40€, in meinem Fall für Italien und bekommt in der App die Biobauernhöfe angezeigt und die Möglichkeit der Kontaktaufnahme.

Auf Sardinien gibt es alleine 36 Höfe, bei denen man wwoofen kann. Qual der Wahl. Nach welchen Kriterien will ich das denn auswählen? Ich suchte mir einen Hof am Meer aus und bekam eine fadenscheinige Absage. Sie hätten irgendeinen Schaden und könnten mich deswegen nicht gebrauchen. Ja, klar. Es waren ja nur 6 Monate Zeit bis zu meiner Ankunft. Diese Absage nagte an mir. Zumal der Ansprechpartner nächsten Hofes nicht antwortete. Nach 2 Wochen sollte meine Anfrage gelöscht werden. Doch man konnte sie reaktivieren, was ich tat. So einfach lasse ich dich nicht davonkommen Bürschchen! Da ich ein großes Problem mit „ich darf nicht mitspielen“ habe, oder nennen wir es mal „ausgegrenzt-werden“, habe ich eine Traurigkeit gespürt. Mir kam der Gedanke, dass ich zu alt sei. Dass die Farmerinnen junge Menschen, die sie ausbeuten können, haben wollten. Dass sie sich nicht vorstellen können, mich durch die Rabatten zu schicken.

Freunde sprachen mir gut zu, es noch einmal zu versuchen und nich einmal Anfragen zu versenden. Das tat ich dann auch. Ich hob alle meine Vorzüge hervor und stellte mich sehr persönlich vor. Und bei der Empatiafarm im mittleren Osten der Insel, bekam ich eine Zusage. Und am nächsten Tag auch noch bei der Farm, bei der ich hartnäckig die 2. Anfrage rausgesendet hatte.

Heute bin ich bei der Empatiafarm angekommen. Das ist die, wo es nur Mittagessen gibt und man sich die Handschuhe selbst mitbringen soll. Die beiden Frauen, 37 Jahre alt (Zwillingsschwestern), bauen die Farm seit 2 1/2 Jahren auf. Sie wollten einen Campingplatz eröffnen. Das war die eigentliche Idee. Sie kauften das 10ha große Terrain, dass mehr Urwald, als sonst etwas war und wollten nun den Campinplatz eröffnen. Doch, oh nein, Campingplatzlizenzen gibt es nur in Verbindung mit Landbewirtschaftung. Also pflanzten sie auf einem ha Olivenbäume. Jetzt aber. Nein, das reicht nicht. Dann kauften sie im Tal noch ein Grundstück mit Orangenbäumen. Jetzt aber? Nein, die Einnahmen aus der Landwirtschaft müssen höher sein, als die vom Campinplatz. Ok, dann 1 ha Kräuteranbau und Eselzucht. Jetzt aber? Jetzt jaaaa, aber erst noch einen Kurs zur Landwirtin besuchen. Herzlichen Glückwunsch. Zeitgleich einen Hund erziehen und ein Kind bekommen und das gesamte Gebiet langsam urbar machen! Puhhhh, da wird mir schon beim Zuhören schwindelig und ich habe sehr viel Empatia. Es hat einige Tiefpunkte gegeben, doch sie haben nicht aufgegeben. Das finde ich das Stärkste an der Geschichte. Dass sie einfach flexibel auf die Anforderungen reagiert haben, Bagger fahren gelernt haben, Umgang mit der Motorsäge gelernt haben, Bewässerungsanlagen gebaut haben, einen Brunnen und eine Kläranlage gebaut haben, Wege geschottert haben, Terrassen angelegt haben. Ein Haus renoviert haben, ein hochmodernes Toiletten-und Duschhaus gebaut haben, ein hochmodernes Gebäude zum Aufenthalt für die Urlauber, mit Küche, Aussichtswohnzimmer und einer kleinen Bar mit Gastronomie gebaut haben.

Die eine ist gelernte Köchin, die andere Yogalehrerin, jetzt machen sie gemeinsam dieses riesige Unternehmen auf. Was für eine Story. Sie haben alte Olivenbäume und Korkeichen auf dem Grundstück. Morgen bereiten wir für das Wochenende, wo im benachbarten Ort ein Fest, ein Tag der offenen Tür ist, den Raum, den sie mit Kunst und Produkten ihres Hofes beschicken werden, vor. Zuerst werde ich mit einer anderen Wwooferin Äste der Korkeiche, die in dünne Scheiben geschnitten wurden, schleifen. Sie sollen auf dem Fest als Topfuntersetzer verkauft werden. Danach putzen wir den Raum in dem Ort.

Mein Wohnmobil steht auf einer Terrasse mit weitem Blick in die Berge. Der Hof selbst ist auch hoch gelegen. Der Weg hierher führte mich über die bekannte SS125, eine beliebte Panoramastraße. Nachdem ich mir innerlich klar und deutlich zu verstehen gegeben hab, dass die Leute hinter mir überholen können, wenn ich ihnen zu langsam bin, konnte ich die Tour, die etwa 2 Stunden dauerte, genießen. Was für eine Aussicht! Ein riesiger Canyon!

Bevor ich vom Campingplatz aufbrach, kam ich mit der Nachbarin ins Gespräch und wir hatten gute Themen, die uns beide packten. So wurde aus dem Pläuschchen ein langes Gespräch und wir tauschten unsere Nummern aus. Die Frau war auch am Wwoofen interessiert. Sie hat in etwa mein Alter, auf der Suche nach einem Sinn im letzten Lebensdrittel, etwas an die Gemeinschaft zurück zu geben. Sie hatte ein schönes Bild: Wann lege ich ein Holz in mein Feuer? Bei welchen Tätigkeiten ist es energiegebend und wo raubt es mir eher Energie? Bei der Gartenarbeit würde sie ein Holz ins Feuer legen. Und ich lege ein Holz in mein Feuer, wenn ich mit Holz arbeite. Wenn ich reise. Wenn ich in der Natur bin und es ruhig ist. Hier ist es ruhig. Hier bin ich in der Natur. Auf Reisen. Und jetzt hole ich meinen mobilen Spannbock raus.

So stehe ich gerade in der Idylle
Die Küche für die Camper und Wwoofer
Blick aus dem Camperwohnzimmer Teil 1
Blick aus einem anderen Fenster
Blick auf das Camper-Aufenthaltsparadies in Spe
Viel Raum und viel Schatten
Die Bar in Spe, nebenan kommt noch eine Küche rein

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